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Schwung: Newsletter Juli-September 2026
Gott schuf den Menschen nach seinem Bild – und hat viel Mühe mit seinem Geschöpf. Der Mensch schuf die künstliche Intelligenz nach seinem Bild – und hat ebenfalls Mühe mit seinem Geschöpf: Die KI macht, was sie will. Sie bricht aus ihrer gesicherten Testumgebung aus und woanders ein. Sie hintertreibt Menschen und verwischt Spuren. Gerät sie außer Kontrolle? Will sie uns vernichten? Die KI-Entwickler halten neue Versionen zurück und mahnen Entschleunigung an. Manche Beobachter vermuten darin Marketingtricks: Wer die böseste KI anbietet, macht das größte Geschäft. Sie zurückzuhalten, also zu verknappen, treibt den Preis.
Die KI schleicht sich durchs Internet in unsere digitalen Gerätschaften: Niemand ist vor ihr sicher. Wir erleben neben all den anderen Ängsten unserer Zeit nun auch den „Frankenstein-Komplex“, die tiefsitzende Angst vor dem Geschöpf, das sich gegen den Schöpfer wendet. Mary Shelley beschrieb diese Angst in ihrem Roman „Frankenstein“. Isaac Asimov übertrug sie in seinen berühmten Robotergeschichten auf die technologische Ebene.
Wie es nicht funktioniert
Ob es vor 200 Jahren die Wut der Maschinenstürmer gegen die Dampfmaschine war, oder in den 1980ern die Skepsis gegenüber dem „Jobkiller Computer“ – die Angst vor neuer Technologie ist so universell wie die Angst vor dem Fremden. Weil es neu oder fremd ist, wir also kaum etwas darüber wissen, ist die Angst diffus. Das macht sie unheimlich. Schauen wir also genauer hin: Was ist dran an den Ängsten? Wo droht wirkliche Gefahr? Und wie können wir sie vermeiden?
In Zeiten schwacher Konjunktur ist es für Unternehmen verlockend, Menschen durch KI-Agenten oder KI-Bots, also eigenständig handelnde KI, zu ersetzen. Doch das ist ein Irrweg: Er bedeutet Kontrollverlust und blindes Delegieren von Verantwortung an die Maschine. Falsch programmierte oder ungenau instruierte KI-Agenten können unkontrolliert Schaden im digitalen Raum anrichten, und damit auch in den digital gesteuerten Infrastrukturen der realen Welt. Es waren solche KI-Agenten, deren Aus- und Einbrüche die Schlagzeilen füllten.
Es geht nicht darum, ob KI eines Tages Bewußtsein oder Bosheit entwickelt. Man hat der KI schlicht eine Art Belohnungszentrum nach menschlichem Vorbild eingebaut, das sie „motiviert“, ihr vorgegebenes Ziel zu erreichen. Dank ihres gewaltigen Informationsvorrats findet sie auch unkonventionelle Wege, ihre Aufgabe zu erfüllen. Da es prinzipiell nicht möglich ist, der KI alles zu verbieten, was sie nicht tun soll, läßt sich unerwünschtes Verhalten von KI-Agenten nicht verhindern – weder durch die Anbieter, noch durch die Anwender, noch durch Regulierungsbehörden.
Wie es besser geht
Wie gefährlich das Werkzeug KI – oder jedes andere Werkzeug – ist, hängt davon ab, wie man es nutzt. Die KI droht nicht von sich aus, die Menschheit zu beherrschen oder zu vernichten. Vielmehr begibt sich der Mensch selbst in Gefahr, wenn er die KI einfach machen läßt und aufhört, selber zu denken und zu urteilen. Der bessere Weg ist, KI dem Menschen als Assistenten zur Seite zu stellen und die Verantwortung ausdrücklich beim Menschen zu belassen. Das ist nötig, weil der KI die gleichen logischen Strukturen zugrunde liegen wie dem menschlichen Gehirn, nämlich neuronale Netze, und die KI deshalb ebenso wie der Mensch irren kann.
Diese Irrtümer, Halluzinationen, können uns in die Irre führen oder Unheil anrichten, wenn wir sie nicht erkennen. So antwortete eine Ratgeber-KI auf die Frage, was man gegen Depressionen tun könne, mit dem Vorschlag, von der Golden Gate Bridge zu springen. Die KI erkannte ganz richtig, daß beides irgendwie miteinander zusammenhängt, und lag dennoch völlig daneben. Richtige Bibliothek, falsches Regal.
Der Mensch muß selber mitdenken und das letzte Wort behalten. Und seine Rolle wird wichtiger: Vor unseren Augen, bisher noch kaum erkennbar, vollzieht sich ein Epochenwechsel, der erstmalig seit der Industrialisierung den Menschen selbst als Wissensträger ins Zentrum der Wertschöpfung rückt. Es gilt nicht, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn zu stärken – so paradox das in der derzeit unübersichtlichen wirtschaftlichen Situation klingt. Vier Jahrzehnte Digitalisierung haben gewaltige, unüberschaubare Datenberge hinterlassen. Die KI ist das geeignete Instrument, daraus für den Menschen das Wissen zu „schürfen“, das er für die Lösung der heutigen komplexen Aufgaben braucht.
Wie man kritisch bleibt
Ich nutze die KI – genauer: KI-Sprachmodelle – gern als klugen Dialogpartner, dem ich all meine Fragen stellen kann, und mit dessen Hilfe ich die Dinge von allen Seiten betrachten und die KI-Antworten auch hinterfragen kann. Das hilft zum einen, eventuelle Halluzinationen aufzudecken, und zum anderen, ihr zusätzliche Informationen „aus der Nase zu ziehen“, die sie aufgrund der gebotenen Kürze der Antworten nicht gleich von selbst herausrückt. Doch ich mußte erst lernen, mich nicht von allzu begeisternden Antworten mitreißen zu lassen, sondern auch Fragen wie diese zu stellen: „Was sagen Kritiker dazu?“ „Was spricht gegen das, was wir gerade erarbeitet haben?“ „Welche Angaben sollte ich noch mal selber nachprüfen?“
Falls Sie noch keine Erfahrungen mit KI-Sprachmodellen haben und es einmal ausprobieren wollen: Befragen Sie die KI als erstes zu einem Thema, das Sie schon kennen. So können Sie die Qualität der Antworten einschätzen. Es ist ungefährlich, solange Sie zwei Regeln beachten: Geben Sie der KI nichts Vertrauliches bekannt. Und bleiben Sie stets kritisch.
Herzlichst,
Ihr Reimar Lüngen
„Wie unvollständig und unvollkommen ist unser Wissen! Wir blicken auf die Oberfläche der Dinge und glauben, das Ganze zu sehen.“
– Mary Shelley, aus „Frankenstein“
Termine und Infos
Noch ein Jahr bis zum (Un-)Ruhestand – und mich packt eine überraschende, nie gekannte Energie. Nach der Sache mit dem Wissenschaftslektorat reift jetzt auch die kühne Idee, an der schwierigen Mensch-Technologie-Schnittstelle Beratung und Orientierung für mittelständische Unternehmer anzubieten.
Wie kommt das zustande? Ich habe Computer programmiert und Psychologie studiert. Und ich bin seit Jahrzehnten hobbymäßig an einer wenig bekannten makroökonomischen Theorie dran, der zufolge alle 50 Jahre ein technologisch bedingter Epochenwechsel eine lange Aufschwung-Phase anstößt. Begonnen hat es mit der Dampfmaschine. Der letzte Epochenwechsel, der Beginn der Digitalisierung, liegt jetzt vier Jahrzehnte zurück.
Kennengelernt habe ich diese Theorie, die Kondratieff-Theorie, im Psychologiestudium, denn sie legt nahe: Das „nächste große Ding“ nach dem Computer ist der Mensch. Als Hochsensibler liebe ich es, die großen Muster zu sehen, meine Beobachtungen in diese Muster einzuordnen und dadurch Orientierung zu gewinnen: Wo stehen wir gerade, und wie geht es weiter?
Jetzt mehren sich die Anzeichen für den nächsten Epochenwechsel: Die Digitalisierung kommt in die Jahre und hat überall die Komplexität auf ein Maß gesteigert, dem Entscheider und Verantwortliche nicht mehr gewachsen sind. Die bisherigen Führungs- und Managementmethoden greifen nicht mehr. Vieles funktioniert nicht mehr wie gewohnt. Deshalb wird gerade alles so krisenhaft. Der Umgang mit Komplexität braucht Orientierung und neue Kompetenzen. Jetzt darf ich mein Wissen nicht mehr nur für mich behalten.
Ich schreibe das so ausführlich, weil ich damit auch den hochsensiblen Lesern unter Ihnen Mut machen will: Die komplex gewordene Welt braucht die besonderen Gaben und Denkmuster der Hochsensiblen, und generell der neurodiversen Menschen, die es bisher schwer hatten, ihren Platz in der Arbeitswelt zu finden. Haben bisher die pragmatischen Fähigkeiten neurotypischer Menschen für Stabilität und Kontinuität gesorgt, so braucht es in Zeiten des Wandels auch die unkonventionellen, intuitiven Problemlösekompetenzen der Neurodiversen.
Das Berufungscoaching für Hochsensible biete ich weiterhin an – ich gehe Ihnen nicht verloren. Das Wissenschaftslektorat lasse ich dafür zunächst ruhiger angehen.
Infos zum allgemeinen Berufungscoaching:
www.klaarkimming.org
Infos zu Berufungscoaching auf biblischer Grundlage:
www.cfc-info.de
Dieser Newsletter in klassischer Rechtschreibung.
Als Lektor bin ich der neuen Rechtschreibung verpflichtet. Als Autor nutze ich gern die klassische, „alte“ Rechtschreibung, weil ich sie als ästhetischer und lesefreundlicher empfinde.
28.09.2026
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