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Newsletter Februar 2014

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Schwung: Newsletter Februar 2014




Liebe Leserin, lieber Leser,

letzten Herbst war ich mit dem Finger auf meinem Stadtplan an der Wand unterwegs. Ich hatte Lust, an diesem freien, sonnigen Tag wieder einmal einen Ort in meiner Heimatstadt zu besuchen, den ich noch nicht kannte. Sich von der eigenen Stadt überraschen zu lassen, ist im ausgedehnten Hamburg gar nicht so schwierig. Mein Finger blieb an einer Stelle stehen, wo das Flüßchen Bille eine beachtlich große Insel umfließt, die mit dem Vermerk „Klgv 114“ bezeichnet war. Ein Kleingartenverein also. Wasserumspült. Das muß nett sein, dachte ich, und machte mich neugierig auf den Weg.

Die Atmosphäre solcher Laubenkolonien rührt immer wieder tief in mir etwas an. Warum? Es mag daran liegen, daß hier alles etwas kleiner, fast spielzeughaft ist. Die eng abgegrenzten Parzellen. Die meist gepflegten Beete und Rabatten darin. Die einfachen und liebevoll gestalteten Lauben – klein, aber mein. Die kleinwüchsigen, über und über mit Früchten behangenen Obstbäume, die sich ohne Leiter abernten lassen.


Alles provisorisch?

Aber da ist noch etwas. Entlang der Wege stehen schlanke Holzmasten, die alles überragen. Zwischen ihnen sind dünne Drähte gespannt. Jedes Grundstück hat deutlich sichtbar seinen Stromanschluß. Das ist eigentlich kein schöner Anblick, und es wirkt wie ein Provisorium. Aber es zeigt: In den Häusern gibt es Licht und Wärme. Bequemlichkeit. Gemütlichkeit. Daß es auch an Wasser nicht fehlt, zeigt das Schwarze Brett am Vereinsheim. Es nennt die Namen der „Wasserverantwortlichen“, an die man sich bei Problemen wenden kann. Also alles da, was man braucht für ein kleines, gutes Leben.

Zwar ist das Vereinsleben straff organisiert. Das Schwarze Brett kündigt Termine von Begehungen an: Sind die Parzellen gepflegt, die Wege unkrautfrei, die Zäune frisch gestrichen? Dennoch kann man es sich hier bequem machen. Die kleine Welt zwischen Gartenpforte und Komposthaufen ist überschaubar. Vieles ist improvisiert und selbstgemacht, man lebt unmittelbar von den Früchten seiner Arbeit. Man hat einen Platz, an den man gehört. Alles strahlt Gemütlichkeit und Heimatverbundenheit aus. Man ist „Laubenpieper“ auf der eigenen Scholle. Hier gibt es etwas, das uns dort, wo die Dinge groß und weitläufig und ausgereift sind, verloren gegangen ist.


Oder lieber perfekt?

Sicher, auch ein großes, modernes Haus hat etwas. Doch es zu bauen, ist aufwendig. Jede Menge Gesetze, Vorschriften und Bestimmungen greifen. Statik, Elektroinstallation und Wärmedämmung müssen immer höheren Anforderungen genügen. Immer kompliziertere Haustechnik soll Energie sparen. Und selbst die Auswahl der richtigen Fenstergriffe wird zur zeitraubenden und kräftezehrenden Entscheidung. Ein Haus zu bauen, ist in unserem Land ein Lebenswerk. Es abzuzahlen ebenfalls. Immerhin, es steht dann da, groß, neu und modern, und es läßt sich hoffentlich gut drin wohnen. Um den Garten kümmern wir uns, wenn wir wieder zu Kräften gekommen sind...

Wie anders die Gartenlaube. Sie entsteht oft aus einfachsten Mitteln, vielleicht aus wiederverwertetem Material, das andere entsorgt haben. Warum soll man die alten Fenster wegwerfen? Für das Wochenendhaus reichen sie doch noch! Die Arbeit selbst gehört zum Spaß, das Improvisieren, und das Erfolgserlebnis, wenn wieder etwas fertig ist. Viele dieser Behausungen wachsen mit der Zeit, bekommen Anbauten. Wenn Geld, Material und Zeit da sind, kommt wieder ein Stück mehr Platz dazu. Es muß nicht perfekt sein, und es muß nicht alles auf einmal fertig sein. Der Wasserhahn ist alt? Jedes Fenster hat einen anderen Griff? Die Möbel sind zusammengewürfelt? Der Kühlschrank steht im Schuppen neben den Gartengeräten, weil die Küche zu klein ist? Na und? Trotzdem kann man es sich hier gemütlich machen!


Zu viel des Guten?

Solch pragmatisches Denken steht im Widerspruch zum modernen Zeitgeist. Heute muß alles perfekt sein, durchreguliert, durchgestylt und durchoptimiert. Vorbei der Spaß des Improvisierens. Doch die Entwicklung bleibt nicht stehen. Geht es noch perfekter? Na klar! Also optimieren und rationalisieren wir weiter. Der Preis: Es wird komplizierter, umständlicher, aufwendiger, störanfälliger, teurer. Ein Maß ist überschritten, die Perfektion steigt nicht mehr. Sondern sie sinkt. Wunderbar – da läßt sich doch noch etwas optimieren!

Schon vor vielen Jahren habe ich in der EDV-Ausbildung den Begriff „Überorganisation“ kennengelernt. Organisation soll Dinge besser machen. Übertreibt man es damit, entsteht Überorganisation, und die macht es wieder schlechter. Ein Beispiel dafür ist eine Straßenkreuzung. Die Ampel regelt den Verkehr, jeder bekommt seine Chance, die Kreuzung zu überqueren. Das ist das Ergebnis guter Organisation. Allerdings müssen Linksabbieger den Gegenverkehr beachten und Rechtsabbieger die Fußgänger. Das kann man doch besser machen! Beispielsweise mit einer Ampelschaltung, die auch den Abbiegern eigene Grünphasen gibt. Das Ergebnis: Rotphasen verlängern sich, die Durchlässigkeit der Kreuzung sinkt, sie ist überorganisiert.


Wo liegt das Optimum?

Was ist der richtige Weg? Wo liegt das Optimum? Ist es besser, im Interesse aller den Abbiegern mehr Aufmerksamkeit abzufordern und mehr Umstände zuzumuten? Oder ist es besser, jedem ein gleichermaßen komfortables Grün zu schenken, das ihm erlaubt, einfach draufloszufahren? An der Kreuzung ist die Antwort noch halbwegs leicht. Trotzdem tun Verkehrsplaner lieber zu viel des Guten. So auf einigen großen Hamburger Kreuzungen, die letztens im Rahmen der Busbeschleunigung umgebaut wurden. Hier häufen sich jetzt die Beschwerden der Autofahrer, und teilweise steigen die Unfallzahlen. Was den Planern an Reißbrett und Mauspad logisch erschien, ist aus Autofahrerperspektive nicht mehr zu überblicken.

In anderen Ländern gibt es radikale Versuche in genau entgegengesetzter Richtung. In manchen Ortschaften verschwindet der Schilderwald komplett, es gibt keine Ampeln, keine Fahrbahnmarkierungen, nicht mal Bordsteine. Es ist eine völlig unregulierte Fläche, die sich alle Verkehrsteilnehmer teilen. Da es keinerlei Regeln gibt, sind alle aufmerksam, nehmen Blickkontakt zueinander auf, einigen sich spontan, wer zuerst fahren oder gehen darf. Der Verkehr entschleunigt sich, die Zahl der Verkehrsunfälle sinkt auf Null. Eigentlich ein Erfolgsmodell, dessen Einführung sich auch in Deutschland anbietet. Doch das paßt nicht in unser durchorganisiertes und durchreguliertes Land. Keines der angedachten Projekte wurde Wirklichkeit.


Besser suboptimal?

Doch es muß ja nicht gleich die totale Regellosigkeit sein. Ein Stück hinter das Optimum - oder hinter das, was wir für das Optimum halten – zurückzugehen, würde schon einiges bringen. In der Datenverarbeitung gibt es diese Strategie im Datenbank-Design: Große Datenmengen müssen platzsparend gespeichert werden. Mehrfachspeicherungen sollten vermieden werden. Die aber gibt es schon in jeder normalen Kundendatei zuhauf, wenn nämlich mehrere Kunden in derselben Straße, im selben Ort oder im selben Land wohnen. Warum diese Daten mehrmals abspeichern? Einmal sollte doch reichen. Wenn sich nämlich der Straßen-, Orts- oder Ländername ändert, müßte er in der Datenbank nämlich nur einmal geändert werden, statt hundertfach, tausendfach oder millionenfach.

Um das Datenbank-Design zu perfektionieren, ändert man die Datenstrukturen Schritt für Schritt nach bestimmten Regeln. Beispielsweise speichert man nicht Straßennamen und Hausnummer in einem Eingabefeld, sondern trennt das in zwei Felder, um neben den unterschiedlichen Hausnummern den Straßennamen nur einmal speichern zu können. Es gibt eine Reihe solcher Regeln, deren Anwendung Schritt für Schritt zur perfekten Datenstruktur führt. In der Praxis wendet man aber nur wenige dieser Regeln an, und geht auch dann sogar wieder ein Stück dahinter zurück. Warum?


Das Optimum als Glücksgriff?

Je besser die Daten gespeichert sind, desto schlechter läßt sich mit ihnen arbeiten. Dateneingaben werden komplizierter (stört es Sie nicht auch, wenn Sie Straßennamen und Hausnummer getrennt eingeben müssen?), Datenabfragen aufwendiger (weil zusätzliche Arbeitsschritte zum Zusammensetzen von Straßennamen und Hausnummer nötig sind). In der Regel bleibt die Anpassung der Datenstrukturen weit hinter der perfekten Form zurück. Das Optimum liegt in einem gesunden Gleichgewicht der Anforderungen. Denn wie oft passiert es, daß sich Straßen-, Orts- oder Ländernamen ändern? Viel seltener jedenfalls als das laufende Schreiben und Lesen von Daten.

Doch die Entscheidung, wo das Optimum liegt, ist nicht immer so einfach wie an einer Straßenkreuzung oder in der Datenbank. Manchmal ist es ein Glücksgriff: Als gleich mehrere amerikanische Flugzeugbauer Ende der 1950er Jahre ihre großen, vierstrahligen Jets auf den Markt brachten, konnte Boeing nicht mit werbewirksamen Rekorden glänzen. Die Convair flog schneller, die Douglas weiter, doch ausgerechnet die Boeing machte das Rennen: Es war die Ausgewogenheit der technischen Daten, die die legendär gewordene 707 für die meisten Fluggesellschaften attraktiv machte. Das gilt auch heute: Kaufen Sie nicht die Digitalkamera mit den meisten Megapixeln oder dem längsten Zoom, wenn Sie gute Bilder bekommen wollen.


Vernunft oder Unvernunft?

Die Frage nach dem Optimum stellt sich auch der heutigen Wirtschaft. In Zeiten stagnierender Produktivität wird es für die Unternehmen immer dringender, Arbeitsabläufe und Kosten weiter zu rationalisieren. Doch wenn etwas schon optimal ist, und ich weiter dran drehe, ist es egal, in welche Richtung es sich bewegt: Stets geht es vom Optimum weg. Oft ist schon so viel rationalisiert, daß nicht mehr geht. Und dennoch zwingen Kostendruck, Beschleunigung und Konkurrenz die Unternehmen zu einem Aktionismus, der nichts mehr verbessert, sondern nur noch verschlimmbessert.

Wie viele andere Unternehmen plant auch die Bundesbahn ihr Personal hart auf Kante. Warum Positionen doppelt besetzen, wenn auch einer die Arbeit machen kann? Da läßt sich noch sparen, rationalisieren, optimieren! Sie erinnern sich sicher an die peinliche Folge: Im Sommer mußte die Bahn den Bahnhof der Landeshauptstadt Mainz wochenlang vom Netz nehmen, weil es ein paar mehr Krankmeldungen als erwartet gab. Warum werden Mitarbeiter krank? Weil der Arbeitsdruck zu hoch ist. Warum ist der Arbeitsdruck zu hoch? Weil es zu wenige Mitarbeiter gibt. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Ein Maß ist überschritten. Rationalisierung kommt von Ratio – Vernunft, Verstand –, aber zu weit getrieben wird sie unvernünftig.


Sparen, egal was es kostet?

Hätte die Bahn doch aus ihrem Debakel bei der Berliner S-Bahn gelernt. In jahrelangen Rationalisierungsbemühungen hatte man dort Wartungsintervalle verlängert, Techniker entlassen, Werkstätten geschlossen. Die Infrastruktur war auf ein Minimum geschrumpft. Und dann entgleiste 2007 eine S-Bahn wegen Radbruchs. Das Unglück machte das Eisenbahn-Bundesamt auf den desolaten Wartungszustand der Züge aufmerksam. Praktisch über Nacht erging ein Betriebsverbot für einen Großteil der Wagen. Sie durften erst wieder auf die Strecke, wenn Räder und Bremsen ausgewechselt worden seien. Doch die Werkstätten waren dicht, die Leute entlassen.

Was der Krieg nicht schaffte, schaffte die Rationalisierung: Der S-Bahn-Betrieb in der Berliner Innenstadt brach komplett zusammen. Die wenigen verbliebenen Wagen fuhren einen Notbetrieb auf den Außenstrecken, in der Stadt mußten die Reisenden auf andere Verkehrsmittel umsteigen. Die S-Bahn wurde zur Streß-Bahn: Pendler in den Außenbezirken schafften es nicht, sich in den überfüllten Kurzzug zu drängen und mußten lange auf den nächsten, ebenso vollen Zug warten. Teuer waren die Bemühungen der S-Bahn, die Werkstätten wieder in Betrieb zu nehmen und die Züge aufzuarbeiten. Teuer waren die Zahlungen an andere Verkehrsunternehmen, die zusätzliche Leistungen erbringen mußten. Teuer waren die Entschuldigungsgeschenke an die Berliner: Preisnachlässe bei Monatskarten, Freifahrten an Wochenenden. Wir sparen - koste es, was es wolle.


Wie sinnvoll ist Größe?

Auch bei der Größe gibt es ein Optimum, das überschritten werden kann. Unternehmen sind oft riesige, kaum noch überschaubare Organisationen. Pure Größe muß straff strukturiert und organisiert werden, und das schafft nicht nur teure Komplexität, sondern erzwingt paradoxerweise auch stromlinienförmige Durchschnittlichkeit. Wie aufwendig durchstrukturiert ist allein beispielsweise die Arbeit einer großen Personalabteilung! Hunderte oder Tausende Stellen wollen beschrieben, ebenso viele Bewerbungen bearbeitet, Entscheidungen getroffen werden. Ausgefeilte computergestützte Werkzeuge machen Bewerber vergleichbar, unterstützen Auswahlprozesse, gleichen mit Anforderungen ab. Am Ende trifft man die hoffentlich richtige Wahl und schafft es, das Unternehmen mit dem passenden Personal zu versorgen.

Die Coaching-Unternehmerin und Buchautorin Sabine Asgodom schrieb in einem ihrer Bücher, wie sie eine Mitarbeiterin suchte: Die Bewerberin, mit der sie am schnellsten gemeinsam lachen konnte, stellte sie ein, und es erwies sich als die richtige Wahl. Wie gut ist die Wahl straff durchorganisierter Personalabteilungen? Wie gut gelingt es, die Individualität der Bewerber zu erfassen und zu berücksichtigen? Allerdings: Will ein Großunternehmen überhaupt Individualität, oder wäre sie nur Sand im großen Räderwerk?


Überlebensvorteil für die Kleinen?

Es scheinen eher die kleinen und mittelständischen Unternehmen zu sein, die mit Individualität und Kreativität punkten, während die Großen vor allem von Kostensenkung und Rationalisierung leben. Die Kleinen sind noch nicht so strikt durchorganisiert wie die Großen. Es gibt noch Beweglichkeit, Wachstum und Reserven, die sich notfalls mobilisieren lassen. Deshalb gibt es von den Kleinen auch noch Qualität und Service – während die Großen aufs engste kalkulieren und mit großem Aufwand Zeit-, Entfernungs-, Kultur-, Währungs- und Zollschranken überwinden, um sich billigst von anderen Kontinenten zuliefern zu lassen. Wenn dann noch die teure Rückrufaktion hinzukommt, hat es sich richtig gelohnt: Außer Spesen nichts gewesen.

Je größer eine Organisation wird, desto mehr verbrennt sie ihre eigene Wertschöpfung. Es gibt immer mehr „Häuptlinge“ und immer weniger „Indianer“: Den Mitarbeitern, die durch ihre Arbeit Werte schaffen, stehen immer mehr Verwaltungsangestellte gegenüber, die die erarbeiteten Werte wieder vernichten. Die Produktivität sinkt, weil die Verwaltung versucht, sie zu steigern. Der Soziologe und Satiriker Cyril Northcote Parkinson bringt es mit seinem Parkinsonschen Gesetz augenzwinkernd auf den Punkt: Ab einer bestimmten Größe beschäftigen sich Verwaltungen nur noch mit sich selbst. Keine Frage: Hier ist das Optimum bereits weit überschritten.


Wo ist die Grenze?

Immer mehr Wachstum kann nicht funktionieren. Wachstum hat immer eine Grenze – schon 1972 warnte der Club of Rome. Die Natur zeigt es uns: Auf Frühling und Sommer folgen Herbst und Winter. Kein Lebewesen wächst unbegrenzt, und keines wächst ständig. „Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und dort stirbt, bringt es keine Frucht“, sagt die Bibel. Auf das Leben folgt der Tod, damit neues Leben Platz bekommt. Auf eine Phase des Wachstums muß eine Phase der „kreativen Zerstörung“ folgen, wie es der Ökonom Josef Schumpeter ausdrückt, damit wieder etwas wachsen kann – deshalb ist es eben kreative Zerstörung.

Wußten Sie, daß Apfelbäume nicht nur in deutschen Schrebergärten, sondern auch im tropischen Afrika wachsen? Sie tragen dort aber nur Früchte, wenn der Mensch einmal im Jahr komplett alle Blätter von den Zweigen reißt, damit sie neu austreiben können. Wir laufen Gefahr, vor lauter Wachstum keine Früchte mehr zu bringen. Alle Versuche, durch Optimierung, Rationalisierung und Beschleunigung doch noch kleines Stückchen Wachstum zu erzwingen, verhindern nur, daß etwas dabei herauskommt.


Wieviel denn noch?

Ungebremstes Wachstum hat einen unheilvollen Namen: Krebs. Sind die Banken und Konzerne, die als „systemrelevant“ und „too big to fail“ gelten, die Krebsgeschwüre unserer Zeit? Ist das System, das durch ihr Versagen gefährdet ist, selbst ein Krebsgeschwür? Manchmal kommt es mir so vor. Wohin wir schauen, wuchert es unkontrolliert. Auch mitten in unserer Demokratie.

Fast 70 Jahre politisches Handeln seit Kriegsende ließen einen unüberschaubaren Wust von Gesetzen, Verordnungen und Bestimmungen mit heute über 86000 Einzelvorschriften entstehen, den selbst Fachleute, Anwälte, Beamte nicht mehr überblicken. Peinlich: Auch der Gesetzgeber selbst verfängt sich darin und muß immer wieder neue Gesetze nachbessern, weil sie im Widerspruch zu anderen Gesetzen stehen. Verwunderlich ist das nicht: Kein Parlamentarier ist in der Lage, tausendseitige Gesetzesentwürfe zu lesen, geschweige denn zu verstehen, bevor er darüber abstimmt. Die Folge: Der Wähler steht nicht nur unwissentlich immer schon mit einem Bein im Gefängnis, sondern er reibt sich auch noch an der ausufernden Bürokratie wund, die für Umsetzung und Kontrolle all dieser Verordnungen nötig wird. Und die Wirtschaft verliert immense Werte durch die sogenannte Spiegelbürokratie, also für den Aufwand, den sie selbst hat, um den finanziellen und papiernen Anforderungen der staatlichen Bürokratie zu genügen.


Kein Ende in Sicht?

Bei alledem geht es ja nicht nur um Wachstum allein. Es geht um exponentielles Wachstum – also um immer mehr des Immer-mehr. Das aktuellste Beispiel dafür sind die gerade beginnenden Olympischen Winterspiele in Sotschi. Das Budget der letzten Winterspiele in Vancouver lag bei 2 Milliarden Dollar – eine unfaßbar große Summe für eine zweieinhalbwöchige Veranstaltung. Rußland spendierte diesen Betrag allein für die Olympia-Bewerbung und setzte das Budget für die Spiele auf 12 Milliarden an – das Sechsfache von Vancouver. Die tatsächlichen Kosten liegen dank Unverstand, Mißwirtschaft und Korruption inzwischen bei 50 Milliarden – das Fünfundzwanzigfache! Traurig: Die einst wunderschöne Stadt am Schwarzen Meer geht dabei an Gigantismus und Umweltzerstörung zugrunde. Politiker fordern inzwischen, die nächsten Spiele sollten wieder bescheidener werden – ob ihr Appell gehört werden wird?

Wir haben das Maß verloren und sind weit übers Optimum hinausgeschossen. Trotzdem jagen wir schneller und schneller auf ein ungewisses Ziel zu, von dem wir weder wissen, wo es liegt, noch wie es aussieht – weil es nämlich längst hinter uns liegt. Wir haben es in unserer unaufhaltsamen Eile einfach verpaßt. Und nun ist unsere Welt wie ein außer Kontrolle geratener Zug, der auf abschüssiger Stecke immer schneller rollt, und weder Lokführer, noch Schaffner, noch Fahrgäste wissen, wie man ihn bremsen kann. Wo soll das noch hinführen? Wo ist die Notbremse? Wer vermag sie zu ziehen?


Wer zieht die Notbremse?

Ich denke, keiner der Mächtigen und Verantwortlichen wird es tun, einfach weil sie es nicht können. Bestenfalls wird es jemanden unter den „Großen“ geben, dem das versehentlich passiert – jemanden wie Michail Gorbatschow, der beim Versuch, den verkrusteten Sowjetkommunismus zu erneuern, unbeabsichtigt sein Ende herbeiführte. Wahrscheinlicher ist, daß Neues eher „von unten“ aufsprießen wird. Und das finde ich ermutigend, denn jeder kann etwas dafür tun.

Wir müssen nicht warten, daß „die da oben“ herausfinden, wie sie den ganzen kräfte- und ressourcenzehrenden Irrsinn stoppen können. Wir können selber etwas in unserem eigenen Leben verändern: Umdenken, bewußt runterschalten, wenigstens eine Sache anders machen als bisher, den Reichtum des Wenigen entdecken und genießen lernen, vielleicht eine „Gartenlaube“ mitten im Alltag bauen und andere zum gemütlichen Beisammensein einladen. Jeder mit seinen Möglichkeiten, jeder an seinem Platz, jeder so gut er kann. Jeder in seiner Berufung. Wenn nur 10 Prozent der Menschen Schönheit und Sinn des Kleinen und Einfachen wiederentdecken und ein kleines Stück davon verwirklichen, dann – so ein Teilnehmer eines meiner Seminare – wäre das eine kritische Masse, die eine ganze Gesellschaft verändern kann. Gesunder Menschenverstand statt Maßlosigkeit – ist das nicht eine lohnende Alternative?

Herzlichst,
Ihr Reimar Lüngen



„Das Glück besteht darin, in dem zu Maßlosigkeit neigenden Leben das rechte Maß zu finden.“
– Leonardo da Vinci



Inhalt

> Immaterielle Werte: Das Maß wiederfinden
> Termine und Infos
> Beruflichen Wandel meistern



Immaterielle Werte: Das Maß wiederfinden

Katerstimmung beim Handel: Trotz optimistischer Nachrichten über die wachsende Konsumlaune der Verbraucher gingen die Umsätze des Handels in den letzten Monaten zurück. Auch das Weihnachtsgeschäft habe das vielerorts nicht ausgeglichen. Als Grund nennen Verantwortliche unter anderem einen Sättigungseffekt: Die Leute besitzen einfach schon zu viel, deshalb kaufen sie weniger.

Damit weist ausgerechnet der Handel in seiner Meldung auf einen Ansatz hin, der uns hilft, hier ein persönliches Maß zu finden. Es heißt: In unserer westlichen Gesellschaft besitze jeder durchschnittlich 10000 Dinge. Daraus ergeben sich zwei Fragen:

> Was habe ich alles?
> Wieviel brauche ich eigentlich?


Nicht auf andere schauen

Wenn es Ihnen so geht wir mir, daß Sie Geburtstagsgäste regelrecht anflehen, keine Geschenke zu bringen, weil Sie schon genug haben, zeigt uns das, wie gut wir es haben. Was wir besitzen, reicht zu weit mehr als dem bloßen Überleben. Es reicht zu einem guten Leben. Lassen Sie sich jetzt kein schlechtes Gewissen davon machen, daß andere weniger haben. Darum geht es nicht. Das Problem ist vielmehr, daß andere mehr haben. Wir vergleichen uns mit ihnen – und werden unzufrieden. Unzufriedenheit ist ein starker Antreiber. Und zwar ohne Maß: Das Rennen in die Maßlosigkeit ist eröffnet.

Bleiben Sie deshalb bei dem, was Sie besitzen, und fragen Sie sich: An welchen dieser Dinge können Sie sich freuen? Wofür können Sie dankbar sein? Womit können Sie auch anderen Freude bereiten? Entdecken Sie den innewohnenden immateriellen Reichtum der Dinge: Schönheit, Erlebnis, Erinnerung. Und entdecken Sie, wie diese Dinge zusätzlichen immateriellen Reichtum schaffen können: Freude, Dankbarkeit, Gemeinschaft. Was keinen immateriellen Wert hat und auch nicht fürs Überleben nötig ist, können Sie aussortieren oder brauchen Sie nicht zu kaufen.

Die Frage nach dem Genug läßt sich nicht allein auf der materiellen Ebene entscheiden. Und der Mangel an immateriellem Wert läßt sich nicht mit noch mehr Materie ausgleichen. Wenn Sie die immateriellen Werte dessen entdecken, was Sie schon haben, können Sie das Rennen um mehr Besitz entschleunigen und sind zugleich zufriedener.



Termine und Infos

Den Februar habe ich mir für anstehende Projekte freigehalten, so daß es keinen Seminartermin gibt. Das Coaching läuft aber unverändert weiter.


Schon mal ein Blick in den März: Am Sonnabend, dem 15. März 2014 gibt es in Zusammenarbeit mit „Hochsensibel leben“ Ulm einen Thementag „Hochsensibilität und Berufung“ in Ulm, Haus der Begegnung, Grüner Hof 7. Beginn ist um 10:00 Uhr, Ende um 17:00 Uhr. Anmeldeschluß ist Ende Februar.

Die Suche nach dem richtigen Platz im Beruf und im Leben ist für viele Hochsensible eine besondere Herausforderung. Der Thementag betrachtet das Thema Berufung aus hochsensibler Sicht und gibt Impulse, der eigenen Berufung auf die Spur zu kommen. In drei großen Teilen thematisieren wir Berufung speziell für Hochsensible:

> Hochsensibilität verstehen
> Berufung entdecken
> Horizont erweitern

Eine großzügige Zeitplanung, viele Gelegenheiten zu Fragen und zum gegenseitigem Austausch sowie die Möglichkeit, auch mal in einer nahegelegenen Grünanlage durchzuatmen, gestalten den Tag bewußt nach den Bedürfnissen Hochsensibler. Herzliche Einladung zu einem inspirierenden und ermutigenden Tag in Ulm! (Wenn Sie nicht in Süddeutschland wohnen, aber Interessierte dort kennen, geben Sie die Einladung doch weiter – vielen Dank!)

Mehr zum Seminar auf: www.RLuengen.de/termine/termine.html#m999


Immer wieder werde ich gefragt, ob es solche Seminare, wie ich sie anbiete, auch anderswo als nur in Norddeutschland gäbe. Meines Wissens nicht – aber ich würde sie auch woanders halten, wenn ich eingeladen werde. Wenn es am Ort einen Ansprechpartner oder ein Team gibt, das bei der Organisation hilft und lokal auch ein wenig die Werbetrommel rührt, dann können wir mit wenig Aufwand Großes erreichen – natürlich zu beiderseitigem Nutzen, wie bisherige Veranstaltungen zeigen. Also: Wenn Sie mich als Referent einladen möchten, dann sprechen Sie mich gern an!

Mehr zu meinen Seminarthemen auf: www.RLuengen.de/termine



Beruflichen Wandel meistern

Sie sind frustriert im Beruf? Drohen auszubrennen? Langweilen sich zu Tode? Vermissen den Sinn? Dann bleiben Sie nicht in Ihrer frustrierenden Situation! Sie riskieren sonst gesundheitliche Schäden. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist.

Wenn Sie sich eine Veränderung nicht zutrauen oder nicht wissen, was Sie tun sollen, dann stehe ich Ihnen mit Bewerbungs- oder Berufungscoaching gern zur Verfügung: Sie entdecken, was in Ihnen steckt, gewinnen Klarheit über Ihre Möglichkeiten, wissen, welche Richtung Sie einschlagen können, verstehen, wie der Bewerbungsprozeß funktioniert und präsentieren mutig einen Lebenslauf, auf den Sie stolz sein können.

Wenn Sie sich das wünschen, dann lassen Sie sich doch zu einem unverbindlichen und kostenlosen Kennenlerngespräch einladen. Wir nehmen uns Zeit füreinander und ergründen, was Sie brauchen und was ich für Sie tun kann. Sie gehen kein Risiko ein: Nur wenn alles perfekt paßt, beginnen wir mit dem Coaching. Davor sind Sie zu nichts weiter verpflichtet.

So erreichen Sie mich:

Reimar Lüngen
Onckenstraße 11
22607 Hamburg

Tel. 040/28 41 09 45
E-Mail info@klaarkimming.org

Mehr Infos auf: www.KlaarKimming.org





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Stand: Februar 2014
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