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Newsletter April 2016

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Schwung: Newsletter April 2016




Liebe Leserin, lieber Leser,

so skeptisch ich einer kopflosen Digitalisierung gegenüberstehe, schätze ich doch auch ihre Möglichkeiten. So habe ich mir letztens ein Digitalradio gekauft. Der UKW-Empfang im Bad mit seinem winzigen Fenster ist schlecht und nervte mich immer wieder mit Knistern und Rauschen – trotz des Rauschens der Dusche. Hier hat ungeachtet anderer Nachteile digital die Nase vorn. Also her mit dem neuen Digitalradio. Beim ersten Suchlauf entdeckte ich neue Sender, die man scheinbar in aller Stille aufgeschaltet hat. Merkwürdig: Die Bundesregierung drängt zum digitalen Rundfunk und wollte eigentlich schon 2015 die Ultrakurzwelle abschalten. Doch wenn sie die bisher vom Massenmarkt nicht akzeptierte digitale Alternative attraktiver machen, geschieht das unter Ausschluß der Öffentlichkeit?

Na, egal. Zu den neuen digitalen Sendern im Raum Hamburg gehört jetzt auch das Hamburger Lokalradio, das auf UKW so schwach funzelt, daß der Empfang keine Freude macht. Am nächsten Morgen wollte ich vor Beginn der Arbeit noch mal kurz reinhören, was das Lokalradio denn so bringt. Es war alte Musik, ich schätze aus der Anfangszeit des Rundfunks. Wie schön! Meinen ersten Termin hatte ich erst mittags, bis dahin gab es nur Papierkram zu erledigen. Den ließ ich kurzerhand liegen (Segen der Selbständigkeit) und machte es mir erst mal gemütlich, um die Musik zu genießen. Dennoch war es keine vertane Zeit, denn dieses unerwartete Erlebnis inspirierte mich zu diesem Newsletter-Thema.


Geheimnisvolle Unschärfe

Während ich zuhörte, fragte ich mich nämlich: Was machte diese Musik eigentlich so schön? Sind es die oft schwungvollen, aber nie aufdringlichen Melodien? Die witzig-altmodischen Texte? Überhaupt: Daß deutsch gesungen wird? Daß noch Menschen Musik machen, und nicht der Computer? Oder ist es eher das Gefühl einer vergangenen Zeit, das da durch die Jahrzehnte hindurch mitschwingt? Oder wenigstens, daß mal etwas anderes im Radio läuft, als nur das ständig gleiche Gedudel? Sicher von allem etwas.

Zweierlei wurde mir aber besonders wichtig: Der durch die damalige Technik bedingte weiche, gedämpfte Klang der alten Aufnahmen. Und eine gewisse „Unperfektheit“ der Aufnahme: Damals hat man nicht im Studio so lange gefeilt, bis alles perfekt klang, sondern die Kapelle hat „live“ gespielt, während ein damals noch rein mechanischer Apparat die Schallschwingungen der Musik direkt in den rotierenden Schallplattenrohling geschnitten hat. Noch heute, im Zeitalter elektronischer Aufzeichnungsmöglichkeiten benutzen wir interessanterweise das Wort „mitschneiden“.

Durch diese ... ich nenne es mal: „klangliche Unschärfe“ bekommen die Aufnahmen etwas Geheimnisvolles und Anziehendes. So geheimnisvoll muß sich das für die Menschen damals angefühlt haben, wenn aus dem Grammophon mit seinem riesigen, unergründlich tiefen Schalltrichter diese weich-kratzigen Töne wie aus weiter Ferne gekommen sind. Und noch viel mehr, wenn die Musik aus dem damals ganz neuen „Dampfradio“ kam, in dessen Innern ebenso geheimnisvoll die Röhren glommen, und aus dessen Lüftungsschlitzen dieser warme Duft „nach Radio“ stieg...


Geheimnisvolle Akten

Anderes Thema, ganz aktuell: Die Bundesregierung hat kürzlich beschlossen, die Stasiunterlagen-Behörde (immer noch bekannt als „Gauck-Behörde“) zu schließen. Obwohl immer noch 60 000 Leute jährlich Einsicht in ihre Stasiakten beantragen, sollen die Akten nun ins Bundesarchiv wandern. Wer weiß, ob man als Normalbürger dann noch da rankommt. Wieder – wie so oft, wenn in den Medien von Stasiunterlagen die Rede war – gehen mir Überlegungen durch den Kopf: Sollte ich auch Einsicht beantragen? Und immer wieder kamen meine Überlegungen an den Punkt, daß ich das eigentlich nicht will.

Was, wenn ich dann nämlich erfahre, wer mich vielleicht bespitzelt hat? Was mache ich, wenn ich mit diesen Personen noch Kontakt habe? Wie gehe ich damit um, wenn ich davon weiß, er aber nicht weiß, daß ich es weiß? Doch eigentlich gehen meine Bedenken tiefer: Es würde mich mit meiner eigenen Vergangenheit konfrontieren. Ich würde – vielleicht bis in kleinste Details hinein – von Dingen lesen, die ich vielleicht schon längst vergessen habe. Will ich das wirklich alles so genau wissen? Heute bin ich ein anderer als damals. Ich habe mich weiterentwickelt. Würde mich die radikale Konfrontation mit meinem alten Ich wieder zurückwerfen?

Nun ist wohl eine endgültige Entscheidung gefragt: Nutze ich die vielleicht letzte Möglichkeit der Einsichtnahme, um mir nicht für den Rest meines Lebens vorwerfen zu müssen, ich hätte die Gelegenheit verstreichen lassen? Oder bleibe ich bei meiner früheren Entscheidung, es sein zu lassen, um mir nicht für den Rest meines Lebens vorwerfen zu müssen: Hätte ich es doch bloß nicht getan!


Unerwünschte Unschärfe

Noch ein anderes Thema: Mein großes Hobby ist die Fotografie. Mich fasziniert daran die Kombination aus Technik und Kreativität. Im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte floß eine ansehnliche Summe in eine ebenso ansehnliche Fotoausrüstung mit Spiegelreflex-Kamera und einer Reihe von Wechselobjektiven. Auch wenn die kleinen Smartphone-Kameras heute Erstaunliches leisten, ist die klassische, inzwischen digitalisierte Spiegelreflex-Technik für viele Hobbyfotografen sehr attraktiv. Man kann damit eben doch noch einiges mehr machen, als mit einem Smartphone. Und es fühlt sich besser an, eine „richtige“ Kamera in der Hand zu halten und beim Auslösen das satte Geräusch des Spiegelschlags zu hören, das die kleinen Smartphones nur als dünnen Sound abspielen.

Die großen Kamerahersteller bedienen diesen Markt nur allzu gern und locken die Käufer immer wieder mit interessanten Neuigkeiten. Die sind für Amateur- und Profifotografen Diskussionsstoff in einem großen Forum im Internet. Auch ich bin da gern zugange. Man lernt sich in der Gemeinde Gleichgesinnter ein Stück kennen, tauscht Erfahrungen aus, fragt einander bei Problemen mit der Technik, zeigt einander seine Fotos, gibt Tips zur Bildgestaltung und handelt mit gebrauchter Technik. Großen Raum nimmt die Kaufberatung ein: Lohnt sich das neue Objektiv? Ist es wirklich schärfer als sein Vorgänger? Soll ich lieber dieses oder jenes Objektiv kaufen? Gibt es da ein noch besseres, von dem ich noch nicht weiß? Oder sollte ich lieber gleich die große Profikamera kaufen?

Was hat das alles mit dem oben angeschnittenen Thema Unschärfe zu tun? Na, ganz viel natürlich: Das Motiv soll scharf sein. Früher, als man Fotos in Postkartengröße betrachtete, ging das mit fast jeder Knipskamera fast wie von selbst. Für Dias, die man groß an die Wand warf, brauchte man schon eine gute Spiegelreflexkamera. Heute, da man am Computer in die Bilder hineinzoomen kann, bis man die einzelnen Pixel sieht, ist das mit der Schärfe zumindest für die Perfektionisten unter den Fotografen ein großes Problem. Und glauben Sie mir, es gibt in diesem Bereich viele Perfektionisten.


Brutale Schärfe

Mit Faszination und Entsetzen zugleich verfolge ich manche Kaufberatungs-Diskussionen im Forum: Mit welcher Kamera kann ich die schärfsten Fotos von unserem Baby machen? Als würden die Forumsmitglieder daran verdienen, empfehlen sie dann Technik, die viel zu hochgezüchtet für den Einsatzzweck oder für den Frager ist. Lange Diskussionen entspinnen sich darüber, wie man das letzte Bißchen Schärfe herauskitzeln kann. So hat denn manch ein Einsteiger in das Fotohobby bald eine bessere Ausrüstung als die Vielzahl der Berufs-Profis.

Mich bewegt aber beim Mitlesen (und Mitdiskutieren) immer mehr die Frage: Wozu brauchen wir so viel Schärfe? Es gibt ja auch ein Zuviel. Gute Objektive können so brutal scharf sein, daß man schon von „Porenfotografie“ spricht: Jede kleinste Hautunreinheit ist unbarmherzig zu sehen. Es gibt Porträtfotografen, die mit superscharfen Objektiven erst mal die kleinsten Details einfangen, um sie dann am Computer mit einem Weichzeichner-Tool wieder wegzuretuschieren. Wofür also braucht man vom Baby Bilder, die noch unterm Mikroskop betrachtet scharf sind? Möchte die später erwachsene Person solche Fotos von sich selbst wirklich sehen? Reichen denn die vergilbten und unscharfen Schwarzweißfotos, die viele von uns im Familienalbum haben, nicht auch, um sich an damals zu erinnern? Hat eine gewisse Unschärfe nicht vielmehr ihren eigenen Reiz?

Ich kann’s ja verstehen mit der Schärfe. Auch ich freue mich an scharfen Fotos. Manchmal habe ich richtig Lust, die Möglichkeiten meines schärfsten und teuersten Objektivs, das mir für den Foto-Alltag eigentlich zu groß und zu schwer ist, voll auszureizen. (Für neugierige Leser vom Fach: Es ist das Canon 135/2 – ein richtiges Sahneteil!) Ich kenne diese Freude an der Perfektion, da ich selbst zum Perfektionismus neige. Doch ich bin auch froh, daß ich inzwischen „zweit-“ und „drittbeste“ Objektive gefunden habe, die scharf genug und praktisch genug für Hobby und Alltag sind. Ich habe ein „Genug“ für mich gefunden, und das fühlt sich richtig, richtig gut an. Zufrieden sein mit dem, was man hat – ein Gefühl, das in unserer Zeit der schier unbegrenzten Möglichkeiten wahrscheinlich immer weniger Menschen erleben...


Lückenlos und detailreich

Und noch mal ein anderes Thema: Finanzminister Schäuble freut sich über weiter steigende Steuereinnahmen. Seit Jahren jagt ein Rekord den anderen. Die Konjunktur in Deutschland läuft gut. Getragen ist sie vom Konsum – eine ziemlich ungesunde Entwicklung. Die Medien schlagen Alarm: Uns droht große Altersarmut. Weil Sparen und Altersvorsorge wegen der jahrelangen Niedrigzinspolitik der EZB unattraktiv geworden sind, geben die Leute ihr Geld eben aus. Und da kommt eine hochgezüchtete Technik, die nicht nur Männer, sondern auch Frauen anspricht, wie gerufen. Die neue Boombranche unserer Zeit steht unter dem Stichwort: Selbstvermessung.

Smartphones, Armbänder, Watches, Tracker und Logger messen, überwachen und protokollieren inzwischen eine Vielzahl von Körperfunktionen und -werten. Das ist ja erst mal nicht schlecht, wie der Soziologe Stefan Selke in der Aprilnummer der Psychologie heute meint: Die Geräte helfen beim Fitneßtraining, den inneren Schweinehund zu überwinden. Sie dienen der Selbstmotivation. Und sie geben vor allem Rückmeldung über erreichte Erfolge. Sie sagen: „Du bist gut“ – etwas, das in unserer Gesellschaft ansonsten zu kurz kommt.

Doch kein Licht ohne Schatten. Diese Geräte legen ihren Benutzern die Verantwortung für ihre Gesundheit auf. Es geht nicht mehr nur darum, gesund zu leben, sondern Gesundheit landet im Bereich der Machbarkeit. Mit anderen Worten: Krankheit ist nicht mehr als Schicksalsschlag denkbar. Viele Benutzer geraten damit unter einen Kontrollzwang. Doch das Problem, auf das ich hinauswill, sind die Daten, die diese Geräte detailreich und mit enormer Schärfe aufzeichnen. Die Daten beschreiben nicht einfach nur etwas, sondern sie setzen zugleich eine Norm, schaffen eine Erwartung, werden zum Sollwert, an dem man sich vergleichen muß. Wer nicht gut genug ist, bekommt kein Lob, fühlt sich schlecht, gerät unter Leistungsdruck. Hier geht es um viel mehr als nur um Babyfotos, mehr als nur um das Äußerliche – es geht um das Selbst, das uns die digitale Technik immer schärfer und höher aufgelöst präsentiert.


Immer höhere Auflösung

Welche Gemeinsamkeit liegt dem oben angesprochenen Themenmix zugrunde? Sie haben es gemerkt: Immer mehr Schärfe. Immer mehr, immer detailliertere, immer höher aufgelöste Informationen. Schärfe ist das große Thema unserer digitalisierten Zeit. Sicher auch, weil es so einfach für die digitale Technik ist, sie zu steigern. Man muß einfach nur mehr vom selben machen: Statt „nur“ hochauflösenden Fernsehens gibt es durch Verdoppelung der Pixelzahl in Breite und Höhe nun das viermal so scharfe superhochauflösende Fernsehen. Und wenn man den Schritt noch mal geht, weil es immer noch jemandem nicht scharf genug ist (oder weil die Unterhaltungsindustrie wieder einen neuen Verkaufsschlager braucht), sind wir beim 16mal so scharfen Fernsehen.

Die Dinge sind heute alle sehr scharf und deutlich – kristallklar und hochauflösend. Doch nicht genug damit: Raum und Zeit sind dank der digitalen Technik nicht mehr wahrnehmbar und schrumpfen auf Null. War auf Mittel- oder Kurzwelle die Entfernung des Senders noch akustisch unmittelbar erlebbar – je weiter, desto leiser und undeutlicher –, so spielt das Digital- oder Internetradio absolut rauschfrei, als gäbe es keinerlei Übertragungsweg, als säße der Nachrichtensprecher direkt im Gerät. Und es ist ja wirklich das Gerät selbst, das den analogen Kang erzeugt – aus dem Strom digitaler Daten, den es empfängt. Wir tragen heute praktisch die ganze Welt mit dem Smartphone in der Tasche.

Was macht das alles mit uns, wenn die Technik uns all die Krisen, Kriege und Katastrophen der Welt brühwarm und hochaufgelöst serviert? Wenn wir jederzeit wissen, was unsere Freunde gerade tun oder erleben? Wenn wir jedes eigene Erlebnis lückenlos und in bester Qualität dokumentiert haben? Wenn wir uns unsere Kondition und Körperwerte samt Vergleichsdaten von anderen jederzeit in Zahlen und Grafiken vor Augen führen können? Wenn unsere Kindheit und unser Leben für uns ein jederzeit offenes, detailscharfes Buch ist?


Vom Segen der Unschärfe

Psychologen sagen: Wir brauchen Unschärfe. Sie ist ein Schutz für die Seele. Auch wenn wir uns darüber ärgern, daß wir Dinge vergessen: Wir brauchen das allmähliche Verblassen von Erinnerungen. Es gibt einen Segen des Vergessens, der Neuanfänge möglich macht. Stellen Sie sich vor, unsere Erinnerung wäre so scharf und präsent wie unsere Digitaltechnik: Wir würden Kränkungen nicht mehr vergessen. Wir würden unangenehme, belastende oder peinliche Erinnerungen nicht mehr loswerden. Wir würden – sofern wir nicht stets an derselben Stelle parken – unser Auto auf dem Parkplatz nicht mehr wiederfinden. Alle Erinnerungen – heute steht das Auto hier, gestern stand es dort, vorgestern wieder woanders, ... – wären gleichrangig und würden ein unüberschaubares Durcheinander im Kopf ergeben.

Unsere Erinnerung ist prinzipiell auf Unschärfe angelegt. Unsere Sinne sind zwar rein physikalisch extrem „scharf“, und wir können feinste Unterschiede wahrnehmen, doch ist die Wahrnehmung lückenhaft, da unser Bewußtsein nicht allzu viele Informationen auf einmal aufnehmen und sich immer nur auf eines gleichzeitig konzentrieren kann. Damit geht vieles von dem, was uns unsere Sinne anliefern, dem Bewußtsein verloren. Unsere Erinnerung füllt diese Wahrnehmungslücken mit eigenen Geschichten, die so plausibel sind, daß wir kaum Wahrheit und Dichtung unterscheiden können. Kinder haben dabei eine blühendere Phantasie als Erwachsene, doch das bedeutet nicht zwangsläufig, daß Erwachsene dabei „objektiver“ oder näher an der „Wahrheit“ sind als Kinder.

Doch wenn das mit „Objektivität“ und „Wahrheit“ so schwierig ist: Wie können wir darüber sicher sein, was war? Unsere Erinnerung ist doch schließlich wesentlicher Teil unserer Identität, unseres So-Seins – also im Grunde: unseres Seins! Wir können eben nicht sicher sein. Die Identität eines Menschen ist nichts Statisches, sondern etwas Dynamisches. Was zunächst absurd oder gar bedrohlich erscheint, ist aus psychologischer Sicht sinnvoll und eine große Chance: Wir können Erlebtes, das uns belastet, nachträglich umdeuten und neu verstehen. Wir können eine Geschichte daraus machen, die besser in unser Leben und zu unserer Identität paßt. Die Unschärfe der Erinnerung bewirkt, daß wir unserer Vergangenheit nicht schicksalhaft ausgesetzt sind. Wir können ihr entwachsen – wir können wachsen, uns verändern, von Vergangenem lösen, Neues beginnen, jemand Neues werden.


Die konstruierte Wirklichkeit

Erkenntnistheoretiker und Psychologen treiben den Unschärfegedanken noch weiter: Wahrnehmung ist immer subjektiv. Eine objektive Wahrnehmung ist schlicht nicht möglich. Das, was wir von der Welt wahrnehmen, ist keine innere Kopie des „Dings an sich“, sondern es ist ein rein subjektives, bereits vor der Bewußtwerdung „bearbeitetes“ Bild davon. Was in unserem Bewußtsein ankommt, ist nicht mehr als ein Schatten der Realität. Platons berühmtes Höhlengleichnis illustriert das: Wir sitzen gleichsam mit dem Rücken zum Eingang in einer Höhle und sehen nicht, was draußen vor sich geht. Aber wir sehen die Schatten an der Höhlenwand – und „konstruieren“ daraus ein Bild von dem, was vermutlich hinter unserem Rücken passiert. Die Lehre von der Subjektivität unserer Wahrnehmung heißt denn auch „Konstruktivismus“.

Das innerlich konstruierte Bild von den Dingen „da draußen“ ist stets ein Produkt aus dem, was die Sinnesorgane anliefern, und unserer Erfahrung. Und das, was wir Erfahrung nennen, ist oft vereinfacht und generalisiert, hat eher etwas von einem Vorurteil als einem Urteil. Es liegt auf der Hand, daß unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen unterschiedliche Bilder von ein und derselben Sache haben können. Das kann Anlaß zu Konflikten sein – oder die Chance, gemeinsam ein genaueres Bild von der Welt zu konstruieren. Die beiden „Subjektivitäten“ kommen damit der „Objektivität“, dem (vermutlichen) Sosein der Dinge, ein kleines Stück näher.

Es liegt ebenfalls auf der Hand, daß auch unser Bild von anderen Menschen konstruiert ist. Der berühmte erste Eindruck wird zum Vorurteil – einem Urteil, das wir treffen, bevor wir überhaupt urteilen können – und bestimmt die weitere Wahrnehmung. Bewerbungsratgeber legen daher großen Wert auf die perfekte Inszenierung des ersten Eindrucks. Doch das halte ich für übertrieben. Wir sind ihm nicht ausgeliefert: Gute Personaler sollten trainiert sein, ihren ersten Eindruck zu revidieren und offen für weitere Eindrücke zu bleiben. – Wer sich nun beunruhigt fragt, ob es denn nicht möglich ist, einen Menschen wirklich kennenzulernen, dem sei nur ganz kurz gesagt: Es gibt seltene, geheimnisvolle Momente, in denen wir einen anderen Menschen erkennen, also in seinem tiefsten Wesen wahrnehmen können. Erkennen ist etwas ganz anderes als Erkenntnis sammeln: Erkenntnis ist Stückwerk, Erkennen ist ganzheitlich. Erkenntnis ist machbar, Erkennen ist geschenkt.


Leben mit der Unschärfe

In manchen Bereichen kann die Unschärfe von Wahrnehmung und Erinnerung natürlich problematisch werden. Etwa in der Justiz: Wie glaubwürdig sind Zeugenaussagen? Läßt sich vor Gericht überhaupt die Wahrheit herausfinden, wenn unsere Erinnerung so unzuverlässig ist? In einem Versuch hat man mal eine Gruppe von Richtern, Anwälten und Kriminalisten unvermittelt in die Zeugenrolle hineinkatapultiert: Unter dem Vorwand, das neue, fast fertiggestellte Dienstgebäude zu besichtigen, inszenierte man vor ihren Augen im Hof des Gebäudes einen Auffahrunfall. Beide Fahrer stiegen aus und beschimpften einander. Dann hat man die „Zeugen“ befragt: Welche Farben hatten die Autos? Wer kam von wo? Welche Kleidung trugen die Fahrer? Was sagten sie? Waren es Männer oder Frauen? Die Aussagen der „Wahrheitsprofis“ konnten widersprüchlicher nicht sein. Diese Selbsterfahrung ließ sie von nun an viel besonnener mit Zeugen und deren Aussagen umgehen.

Unschärfe, Ungenauigkeit, Unsicherheit ist Teil des Lebens. Es geht nicht darum, sie zu vermeiden. Und es geht seltener als wir meinen darum, sie möglichst gering zu halten, indem wir etwa so viele Informationen wie möglich sammeln, bevor wir eine schwierige Entscheidung treffen. Sondern es geht darum, die Unschärfe zu bejahen, mit ihr zu leben und uns auch mal von ihr überraschen zu lassen. Denn sie ist etwas sehr Menschliches. Das macht uns ausgerechnet eine technische Entwicklung vor: Vielleicht haben Sie schon mal von der „Fuzzy-Logik“ gehört, einer unscharfen, analogen Logik, die noch Werte zwischen wahr und falsch, zwischen ein und aus kennt. Mit ihrer Hilfe kann man viele Prozesse „menschlicher“, und damit besser und feinfühliger steuern, als mit rein digitaler Logik.

Entdecken wir also in den vermeintlichen Unzulänglichkeiten der Unschärfe das Menschliche – und genießen sie ganz bewußt, so wie wir ein gutes Foto genießen, das manches deutlich darstellt und anderes in einem weich verschwommenen Hintergrund geheimnisvoll verbirgt.

Herzlichst,
Ihr Reimar Lüngen



„Du kannst dich nicht auf deine Augen verlassen, wenn deine Vorstellungen unscharf sind.“
– Mark Twain



Inhalt

> Neuerscheinung: Starkmacher-Buch für Hochsensible
> Termine und Infos
> Beruflichen Wandel meistern



Neuerscheinung: Starkmacher-Buch für Hochsensible

Sie erinnern sich: Letztes Jahr habe ich zwei Buchprojekten zugearbeitet. Das eine Buch – „Mein HSP-Coach“ von Stefan Kunkat – erschien bereits im Herbst 2015. Das zweite ist seit März dieses Jahres auf dem Markt. Es stammt von der Botschafterin für Hochsensibilität, Kathrin Sohst, und heißt „Zart im Nehmen – Wie Sensibilität zur Stärke wird“. Ein Buch, das konsequent auf die Stärken der Hochsensibilität fokussiert, ohne die Lasten und Herausforderungen der Gabe zu verschweigen.

Die Autorin läßt im Hauptteil des Buches Hochsensible mit Erfahrungsberichten zu Wort kommen. Das macht das Buch sehr lebendig und führt direkt zu den Themen, die Hochsensible bewegen und herausfordern. Weiter geht es mit Impulsen und Strategien, die Hochsensiblen helfen, ihre Stärke zu wecken und zu leben. Das Buch mündet in ein „Zart-Stark-Manifest“ der Hochsensibilität mit acht ebenso kurzen wie markanten Thesen, die man sich durchaus an den Spiegel oder Küchenschrank heften kann, um sie immer wieder vor Augen zu haben.

Das Credo der Autorin, dem ich mit vollem Herzen zustimme: „Zart sein heißt stark sein. Denn Sensibilität verleiht uns Kraft von innen.“ Das illustriert sie schon durch ihren Schreibstil: Mit erstaunlich leichtfüßigen Worten transportiert sie starke, gewichtige Inhalte. Es ist ihr Anliegen, wie auch meines, daß die vielfältigen Stärken der faszinierenden Wahrnehmungsgabe auch in der Arbeitswelt bekannt und wirksam werden. Dieses Buch ist das erste zum Thema Hochsensibilität, das in einem Wirtschaftsverlag erschienen ist: dem Gabal-Verlag. Der Unternehmer Bodo Janssen resümiert: „Dieses Buch stärkt nicht nur hochsensible Menschen, sondern auch ihr Umfeld.“



Termine und Infos

Noch einmal vor der Sommerpause biete ich Mai die zweiteilige Seminarreihe „Hochsensibilität“ an – diesmal an zwei Donnerstagen.

Los geht es am Donnerstag, dem 12. Mai 2016, mit dem Impulsseminar „Hochsensibilität verstehen“, wie üblich um 19:30 Uhr in den bewährten und verkehrsgünstig am Hauptbahnhof gelegenen Räumlichkeiten im Ecos Office Center, Glockengießerwall 17. Auch Parkplätze finden sich um diese Zeit in den umliegenden Straßen. Der Anmeldeschluß ist am 9. Mai.

Fast 20 Prozent aller Menschen haben eine Gemeinsamkeit, von der die meisten Betroffenen nicht wissen: Weit offene Sinne und eine besondere Art, das Wahrgenommene zu verarbeiten. Sie sind als Hochsensible von Natur aus Menschen mit einem Informationsvorsprung. Aber viele von ihnen leiden darunter, daß so viel auf sie einstürmt. Sie fühlen sich falsch oder am falschen Platz, versuchen sich vergeblich „ein dickes Fell zuzulegen“, ziehen sich schließlich frustriert zurück.

Damit geht eine ganz besondere Gabe verloren, die unsere sich wandelnde Welt immer dringender braucht: Hochsensible haben einen größeren Fokus. Sie sehen, was anderen entgeht, und können deshalb den anderen wertvollen Input geben. Rückzug ist deshalb keine Lösung. Das Impulsseminar macht die Gabe verständlich, zeigt deren Stärken auf, gibt Tips für den guten Umgang damit und ermutigt Betroffene, ihren Platz in der Welt und im Berufsleben einzunehmen.

Mehr zum Seminar auf: www.RLuengen.de/termine/termine.html#m014


Den zweiten Teil der Seminarreihe Hochsensibilität, das Impulsseminar „Hochsensibilität leben“, gibt es am Donnerstag, dem 26. Mai 2016, ebenfalls um 19:30 Uhr im Ecos Office Center, Glockengießerwall 17. Der Anmeldeschluß ist am 23. Mai.

Die Arbeitswelt ist laut und hektisch, setzt auf schnellen Erfolg und erfordert dominantes Auftreten – kein Platz für uns Hochsensible. Dennoch müssen auch wir hier unseren Lebensunterhalt verdienen. Das ist quälend anstrengend und bringt uns an die Grenzen unserer Kraft – manchmal bis zum Burnout. Auf der anderen Seite erstickt die Wirtschaft an den Problemen, die durch das Fehlen der Hochsensiblen entstehen.

Was können wir Hochsensiblen tun, um unseren Platz in der Arbeitswelt zu finden und einzunehmen? Was dürfen wir keinesfalls tun, um Schaden an Leib und Seele zu vermeiden? Wie können wir wieder auf unsere angestammten Plätze in Beratung, Gesundheit und Lehre zurückkehren? Was brauchen wir, um unseren einzigartigen Beitrag wieder leisten zu können? Und worin besteht unser Beitrag eigentlich? Wie können wir unsere Bedürfnisse am Arbeitsplatz geltend machen? Dieses Seminar gibt einen Überblick über unsere Herausforderungen und unsere Möglichkeiten im Beruf. Herzliche Einladung!

Mehr zum Seminar auf: www.RLuengen.de/termine/termine.html#m015


Immer wieder werde ich gefragt, ob es solche Seminare, wie ich sie anbiete, auch anderswo als nur in Norddeutschland gäbe. Meines Wissens nicht – aber ich würde sie auch woanders halten, wenn ich eingeladen werde. Langfristige Anfragen takte ich trotz der aktuellen Projekte gern mit ein. Wenn es am Ort einen Ansprechpartner oder ein Team gibt, das bei der Organisation hilft und lokal auch ein wenig die Werbetrommel rührt, dann können wir mit wenig Aufwand Großes erreichen – natürlich zu beiderseitigem Nutzen, wie bisherige Veranstaltungen zeigen. Also: Wenn Sie mich als Referent einladen möchten, dann sprechen Sie mich gern an!

Mehr zu meinen Seminarthemen auf: www.RLuengen.de/termine



Beruflichen Wandel meistern

Sie sind frustriert im Beruf? Drohen auszubrennen? Langweilen sich zu Tode? Vermissen den Sinn? Wissen nicht, wie es weitergehen soll? Dann bleiben Sie nicht in Ihrer frustrierenden Situation! Sie riskieren sonst vielleicht sogar gesundheitliche Schäden. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist.

Wenn Sie sich eine Veränderung nicht zutrauen oder nicht wissen, was Sie als nächstes tun sollen, dann stehe ich Ihnen mit Berufungscoaching und/oder Bewerbungscoaching gern zur Verfügung: Sie entdecken, was in Ihnen steckt, gewinnen Klarheit über Ihre Möglichkeiten, wissen, welche Richtung Sie einschlagen können, verstehen, wie der Bewerbungsprozeß funktioniert und präsentieren mutig einen Lebenslauf, auf den Sie stolz sein können.

Wenn Sie sich das wünschen, dann lassen Sie sich doch zu einem unverbindlichen und kostenlosen Kennenlerntelefonat einladen. Wir nehmen uns Zeit füreinander und ergründen, was Sie brauchen und was ich für Sie tun kann. Sie gehen kein Risiko ein: Nur wenn alles perfekt paßt, beginnen wir mit dem Coaching. Davor sind Sie zu nichts weiter verpflichtet.

So erreichen Sie mich:

Reimar Lüngen
Onckenstraße 11
22607 Hamburg

Tel. 040/28 41 09 45
E-Mail info@klaarkimming.org

Mehr Infos auf: www.KlaarKimming.org




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Stand: April 2016
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